Die Start-Up-Szene in Europa | Die Wirtschaftsfrau

Nur wenige Start-Ups schaffen es zum erfolgreichen Unternehmen.

Die Start-Up-Szene in Europa

Was ist ein Start-Up? Gemäss dem European Startup Monitor (ESM) 2016 erfüllt ein Start-Up folgende drei Kriterien:

1. Es ist jünger als zehn Jahre.
2. Es ist mit dem Geschäftsmodell oder der Technologie hoch innovativ und zukunftsweisend.
3. Strebt ein signifikantes Mitarbeiter- oder Umsatzwachstum an.

Der European Start-Up Monitor untersuchte 2016 2’515 Start-Ups in 28 europäischen Ländern. Drei von vier Start-Ups sind durch private Initiativen gegründet worden. 9.7% waren Spin-Offs von Universitäten, 9.6% wurden durch Unternehmen selbst gegründet. Für die Schweiz lag der Anteil der privaten Gründungen mit 76.2% über dem europäischen Schnitt.

Und wie sieht es mit den Gründerinnen aus?
Die Gründerinnen sind in Start-Ups nach wie vor untervertreten, so erreichten sie im European Monitor Report im Durchschnitt über alle 28 EU-Mitgliedländer und weiteren partizipierenden Länder einen Anteil von 14.8%. Anzumerken ist jedoch ein sehr hoher regionaler Unterschied.

Der Frauenanteil hat sich per heute kaum signifikant verschoben.

Wachstumszyklen bei den Start-Ups
Um einen differenzierten Einblick zu erhalten, ist die Struktur und das Stadium, in denen sich die Start-Ups befinden, genauer zu durchleuchten. Welche Zyklen durchlaufen die Start-Ups eigentlich? Grundsätzlich können verschiedene Stadien in der Entwicklung eines Start-Ups unterschieden werden:

1. Seed-Phase
2. Start-Up-Phase
3. Growth-Phase
4. Later-Stage-Phase
5. Steady-Stage-Phase

Von den befragten Start-Ups gaben 22,1% an, dass sie sich noch in der Seed-Phase, im Keim der Entwicklung befinden und noch über keine nachhaltigen Einnahmen verfügen.

Die jungen Unternehmen in der Start-Up- und der Growth-Phase
haben ein marktfähiges Produkt, respektive eine Dienstleistung geschaffen, die auf ein hohes Umsatz- bzw. Kundenwertwachstum hindeuten.

Nur 1.3% der Start-Ups haben in der Later Stage-Phase bewiesen, dass sie als Unternehmen nachhaltig lebensfähig und zu etablierten Unternehmen geworden sind. Weitere 2,1% haben ein stationäres Stadium (Steady-Stage-Phase) erreicht, mit stagnierenden oder sogar abnehmenden Entwicklungsraten.

Die höchsten Anteile an neuen Start-Ups in der Seed-Phase kommen aus Griechenland (48,6%) und die niedrigsten mit 8.1% aus Finnland. Finnland weist jedoch mit 56,8% den höchsten Anteil in der Growth-Phase auf. Die Schweiz liegt mit 15.4% bei der Seed-Phase unter dem europäischen Schnitt, bei den beiden zusammengefassten Bereichen Start-Up- und Growth-Phase liegt die Schweiz 78% mit dem europäischen Schnitt von 74.4% in etwa gleichauf. Diese Zahlen mögen darauf hindeuten, dass die Schweiz sich möglicherweise schwer tut, Voraussetzungen zu schaffen, um insbesondere in der Seed-Phase einen hohen Anteil an neuen Initiativen hervorzubringen.

Sind die Gründerinnen wirklich untervertreten?
Der Anteil männlicher Start-Up-Gründer in den erfassten Ländern bleibt fast konstant bei 85,2%, während 14,8% weiblich sind. Allerdings ergeben sich erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern, je nach Region.
(Siehe Grafik 1: Anteil Gründer/innen in %)

Der höchste Anteil von Gründerinnen liegt im Vereinigten Königreich [UK], gefolgt von Griechenland und Irland.

Die Schweiz mit 10.7%, Belgien mit 11.1% und Österreich mit 7.1% liegen beim Frauenanteil am Schluss.

KPI’s bei den Start-Ups
Obwohl sich die Start-Up-Unternehmen per Definition noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden, sind finanzielle und nichtfinanzielle Kontrollmechanismen wie KPI’s zwingend notwendig, um die Entwicklung früh beurteilen zu können. Aus diesem Blickwinkel zeigt sich, dass ein grosser Anteil (87,7%) das Umsatzwachstum als einen der wichtigsten Indikatoren ansieht.

Von den befragten Start-Ups sind jedoch nur 29% mit der Umsatzentwicklung zufrieden.
(Siehe Grafik 2: KPI’s)

Bei der Rentabilität sieht es ähnlich aus. 78,0% sind der Meinung, dass die Rentabilität in der Start-Up- und Growth-Phase wichtig ist. Aber nur 27,1% von diesen befragten Firmen sind mit ihrer Entwicklung zufrieden. Die Position eines Start-Ups relativ zu Konkurrenten scheint ähnlich wichtig zu sein (74,1%), doch hier sind sie mit 54.1% häufiger mit ihrer Entwicklung zufrieden – im Gegensatz zur Umsatz- und Rentabilätsentwicklung. Möglicherweise auch deshalb, weil diese Ziele nicht klar quantifiziert werden können und in der Beurteilung eher subjektiver Natur sind.

In Bezug auf Umsatzwachstum waren französische Start-Ups am zufriedensten (42,1%), gefolgt von Schweizer Jungunternehmen mit 39,0% und Zypern mit 37,0%.

Am unzufriedensten mit ihrem Umsatzwachstum waren Start-Ups aus Polen (8,0%) und Spanien (8,5%). Im Hinblick auf ihre Rentabilität kamen aus Frankreich (36,8%) und Italien (36,8%) die meisten positiven Rückmeldungen, während die Spanier (12,8%) und die Griechen mit 16,0% am wenigsten zufrieden waren.

Im gesamten EU-Raum erreichten 60% aller Start-Ups einen Umsatz von maximal 150’000€. Es gibt jedoch erhebliche Unterschiede in den einzelnen Ländern.

Der Vergleich zwischen den Länder ist nur begrenzt möglich.

Jedoch zeigt sich, dass hauptsächlich in den Nord- und Mitteleuropäischen Ländern die Start-Ups die höchsten Umsätze erreichten; zum Beispiel Belgien, Finnland und die Schweiz. Diejenigen mit den geringsten Umsätzen stammten beispielsweise hauptsächlich aus Südeuropa, wie Zypern, Griechenland und Portugal.

Wie sind Start-Ups finanziert?
Die beiden meistgenannten Finanzierungsquellen sind die Gründer / Unternehmer mit 84,5% Selbstfinanzierung, sowie die Familien und Freunde der Gründerinnen und Gründer mit 29,6% und erst danach folgen staatliche Institutionen die Business Angels, Banken oder etablierte Unternehmen. Interessanterweise beträgt der Anteil der Start-Ups, die durch Einlagen der Gründer mitfinanziert werden, in der Schweiz 96.8%. Familie und Freunde sind in der Schweiz bei den meisten Start-Ups jeweils mit 57.1% Anteil ebenfalls stark vertreten.

Gegensätzlich sieht es dazu in Finnland aus. Hohe Anteile kommen aus einer formalisierten Finanzierungsquelle, z.B. Venture Capital (18,1%), Business Angels (56,0%), Venture Kapital (44,0%), Gründerzentren oder Firmenbauer / Beschleuniger (76,0%) und Bankkredite (32,0%).
(Siehe Grafik 3: Quellen der Finanzierung)

Herausforderungen
Die grössten Herausforderungen, mit denen diese Jungunternehmer konfrontiert sind, ist zum einen der Verkauf und die Kundengewinnung mit 19,5%, gefolgt von der ebenfalls sehr wichtigen Produktentwicklung (17,1%) und dem Wachstum mit 16,6%. Die Kapitalgewinnung mit 12,1% ist ebenfalls ein wichtiges Thema, das die Unternehmensentwicklung stark prägt, möglicherweise auch beschleunigt.
(Siehe Grafik 4: Herausforderungen)

Fazit
Die Herausforderungen, mit denen die Jungunternehmen konfrontiert sind, lassen sich je nach Stadium der Entwicklung eingrenzen. Wie hoch der Anteil der weiblichen Gründer ist, ist regional sehr unterschiedlich. Da spielen viele lokale Gegebenheiten wie auch der Wohlstand mithinein.

In Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit neigt man eher dazu, sein eigenes Unternehmen zu gründen. Aber viele Unternehmen schaffen es dabei nie wirklich, sich nachhaltig zu entwickeln wie in Finnland oder der Schweiz (Growth-Phase). Zudem zeigt sich auch, dass viele Gründer eine Eigenfinanzierung anstreben, um möglichst frei von Fremdinteressen zu sein. In der Studie kommt auch zum Ausdruck, dass die Gründer sich viel mehr Sorgen um den Verkauf der Produkte, Dienstleistungen, die Kundengewinnung und das Wachstum machen. Die Kapitalgewinnung ist wichtig, aber anscheinend gehört es nicht zu den wichtigsten Herausforderungen!

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Kultur und Konkurrenz

Roger Baltensweiler

Nationalität
Schweizer

Zivilstand
verheiratet

Beruf
Business Development

Roger Baltensweiler erhielt nach dem MBA an der Universität in St. Gallen (HSG) die Möglichkeit 1995 aktiv als Managing Director von CompuServe INC. und AOL (America Online Europe) den Aufbau der ersten grossen Inter-net-Unternehmen zu prägen.

Im Jahre 2000 wechselte er als CEO in das Joint Venture „swissclick ag“ der Verlage NZZ, Basler Zeitung, Publicitas und Edipresse. Ab 2004 begleitete er verschiedene Startups in ihrem Aufbau.

Er ist verheiratet und hat einen 8-jährigen Sohn.

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