Migrantinnen in der schweizer arbeitswelt | DIE WIRTSCHAFTSFRAU
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Crescenda will Migrantinnen wirtschaftlich und sozial nachhaltig integrieren.

Migrantinnen in der schweizer arbeitswelt

Guten Tag Frau Speiser. Sie sind Geschäftsleiterin und Präsidentin von Crescenda, einem Verein, den Sie 2004 gegründet haben. Was ist die Mission von Crescenda?

Crescenda will Migrantinnen wirt- schaftlich und sozial nachhaltig integrieren. Mit anderen Worten, Crescenda möchte Migrantinnen in den ersten Arbeitsmarkt einfügen und ins- besondere deren finanzielle Unabhängigkeit fördern. Crescenda will Migrantinnen befähigen, an der hiesigen Gesellschaft teilzuhaben.

 

Woher kam Ihnen die Idee für Crescenda ursprünglich?

Vor mehr als 30 Jahren habe ich in Indien für eine Schweizerische Stiftung diverse Projekte besucht. Dabei habe ich erfahren, welche wichtige Rolle den Frauen mittels „Ein-Frau-Unternehmen“ in der Entwicklungszusammenarbeit zu- kommt. Diese Frauen sind der Schlüssel zu nachhaltigen Veränderungen, insbesondere auch in ihrer Vorbildfunktion, die sie gegenüber ihren Kindern einnehmen.

 

Was sind die grössten Hindernisse, die sich Frauen mit Migrationshintergrund beim Wiedereinstieg im Schweizer Arbeitsmarkt stellen?

Zunächst einmal begegnen sie ähnlichen Schwierigkeiten wie „einheimische“ Frauen, beispielsweise bezüglich Kompatibilität mit der familiären Situation, wobei verschärfend hinzu- kommt, dass sie meist keine Herkunftsfamilie wie Eltern oder Grosseltern haben, die sie allenfalls unterstützen können. Dazu kommen weitere Hürden wie mangelnde Diplomanrechnung, die Arbeitssprache ist nicht die Muttersprache und sie müssen sich in einem oftmals noch unbekannten kulturellen und regulatorischen Umfeld zurechtfinden. Für Flüchtlinge kommt zudem meist die Verarbeitung von Traumatas, insbesondere das Ab- schied nehmen von der Vergangenheit, hinzu. Es geht letztlich darum, Wege und Mittel zu finden, damit diese Frauen ihr Potenzial, ihre Ressourcen bestmöglich im hiesigen Arbeitsmarkt verwerten können.

 

Sie begleiten diese Frauen in die wirtschaftliche Selbstständigkeit. Wie gehen Sie das genau an?

Wie ein roter Faden zieht sich der Empowerment Gedanke durch das ganze Programm. Wir setzen sehr konsequent bei den Ressourcen an und fragen bzw. orientieren uns nach ihrem Umfeld, ihren Erfahrungen und Ausbildungen und allenfalls sekundär nach ihren Defiziten.

 

Gibt es Erfolgsgeschichten, die Sie persönlich besonders gerne mögen?

Eigentlich ist jede einzelne Geschichte besonders. Vor allem habe ich, haben wir alle, mit jeder Begegnung viel gelernt. Gewissermassen stellvertretend erzähle ich gerne folgende zwei Geschichten: In unserem Pilotkurs vor nunmehr 15 Jahren nahm eine Philippinerin teil. Sie ist ausgebildete Ingenieurin und musste sich und ihre Kinder nach der Scheidung als Reinigungsfrau durchbringen, da ihr Diplom hierzulande nicht anerkannt wurde. Sie gründete schliesslich ein Reinigungsinstitut, unter anderem mit dem Ziel, Frauen in ähnlichen Situationen ein Licht am Ende des Tunnels zu geben. Dadurch schaffte sie es, ihr Potenzial auch in der Schweiz wieder einzubringen. Die zweite Erfahrung betrifft eine Tibetanerin, die bereits seit Jahren mit ihrem älteren Sohn in der Schweiz lebte. Der jüngere, damals zehnjährige Sohn, lebte nach wie vor in Indien, zuerst bei seiner Tante, danach bei einer befreundeten Familie. Trotz aller Bemühungen gelang es ihr nicht, die erforderliche Bewilligung zu erhalten, damit ihr jüngster Sohn ebenfalls in die Schweiz einreisen darf. Von ihrem vermissten Ehemann hatte sie dazu seit sechs Jahren keine Neuigkeiten erhalten. Es gelang uns von Crescenda, sie dahin- gehend zu unterstützen, dass der jüngere Sohn endlich auch in die Schweiz einreisen konnte. Ein Jahr später – aus heiterem Himmel – rief der Ehemann an, und teilte der erleichterten Frau mit, dass er sich in Nepal und zwischenzeitlich in Indien befindet.Auch er hofft, bald in die Schweiz zu seiner Familie reisen zu können. Sie selbst hat seither markant ihr Deutsch verbessert und nun auch eine Stelle gefunden. Das sind nur zwei Beispiele. Zahlreiche weitere Geschichten finden sich übrigens in unserem Buch (Das Crescenda Modell), das wir zu unserem zehnjährigem Jubiläum herausgegeben haben. Diese Geschichten zeigen, dass es wichtig ist, zuerst wieder neu die Voraussetzungen zu schaffen, bevor dann schliesslich in der Schweiz eine Stelle gefunden oder eine Unternehmung gegründet werden kann.

 

Gibt es auch Geschichten, bei denen der Weg in die Selbstständigkeit nicht geklappt hat?

Es gibt immer wieder Frauen, die gegen Ende des Kurses plötzlich erstmals eine Stelle in der Schweiz finden oder im aktuellen Job befördert werden. Als dies das erste Mal passierte, war ich sehr enttäuscht. Mit ein paar Monaten Abstand habe ich dann jedoch begriffen, dass auch hier das Ziel erreicht wurde, nämlich dass die besagte Frau im hiesigen ersten Arbeitsmarkt Fussgefasst hat und nun endlich auch Perspektiven hat. Eine andere Kursteilnehmerin hat zum Abschlussabend ihre Vorgesetzte eingeladen, die sie seither zweimal befördert hat. Eine weitere Frau baute sehr erfolgreich eine Sprachschule auf, was für sie in ihrer damaligen Situation als allein- erziehende Mutter ideal war. Später, als die Kinder grösser waren, fand sie eine Stelle in ihrem ursprüng- lichen Berufsfeld und konnte ihre Sprachschule verkaufen. So gesehen ist eine beabsichtigte Unternehmensgründung oftmals eher Mittel zum Zweck als das eigentliche Ziel. Auch deshalb haben wir in den letzten Jahren unser Ausbildungsprogramm ausgebaut. Neu umfasst es auch Kurse für Gas- tronomie, Betreuung und Hauswirt- schaft. Das Ziel ist immer dasselbe: Frauen dahingehend zu befähigen, eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt antreten zu können.

 

In welchen Branchen sind die Unternehmen, die durch Crescenda Kurse gegründet wurden, angesiedelt?

Die Gründungen decken ein breites Spektrum ab. Es finden sich darunter mehrere Sprachschulen, eine Kinderbetreuungsstätte, selbstständige Krankenpflegerinnen, Reinigungsinstitute oder eine Schmuckdesignerin. Zahlreiche Gründungen betreffen die Gastronomiebranche. Dabei handelt es sich um eine besonders schwierige Branche. In der Gastronomie ist die Konkurrenz enorm, die Marge ist klein, der Markt ist hart umkämpft. Die Frauen kommen oft aus Ländern, welche im Gegensatz zur Schweiz all die regulatorischen Vorschriften bei der Eröffnung eines Restaurants nicht kennen. Zudem sind die Lohnkosten sehr hoch. Aus diesen Gründen bieten wir seit wenigen Jahren auch Praktikumsplätze im hauseigenen Bistrot an.

 

Begleiten Sie die Unternehmerinnen auch nach deren Firmengründungen noch weiter?

Ja, selbstverständlich. Bislang haben die Gründerinnen Gutscheine erhalten, die ihnen ermöglichen, sich nach der Gründung bei den geeigneten Dozierenden/Fachpersonen Unterstützung zu holen. Diese Unterstützung wird in Form von Unternehmungsberatung oder Weiterbildungskursen angeboten. Aktuell sind wir zudem dabei, das Alumnae Netzwerk mit spezifischen Angeboten auszubauen.

 

Wie finanziert sich Ihr Verein?

Seit zehn Jahren darf der Verein un- entgeltlich eine wunderschöne Jugend stilvilla im Schützenmattquartier nutzen. Hier befindet sich auch das Bistrot Crescenda, welches uns nicht bloss ermöglicht, Frauen einen sogenannt sicheren Ort anzubieten und sie „on the Job“ auszubilden, sondern auch eigene Einnahmen zu generieren. Nicht ohne Stolz darf ich darauf hinweisen, dass wir seit einigen Jahren die Hälfte der Ausgaben durch selbsterwirtschaftete Mittel decken. Für die übrigen Mittel sind wir auf Spenden von Privatpersonen und Stiftungsbeiträgen angewiesen.

 

In welchen Bereichen könnten Schwei- zer Unternehmen von der Anstellung von Personen mit Migrationshinter- grund profitieren?

Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass man überall von Menschen pro- fitieren kann, die über andere Erfahrungen, Ausbildungen und ganz besonders über andere kulturelle Hinter- gründe verfügen. Nicht umsonst wird ja auch in Managementkreisen das „Out of the Box“-Denken propagiert. Stichwort: Innovation. Zugleich ist zuzugeben, dass ein konstruktiver und respektvoller Umgang – also ein Miteinander auf Augenhöhe – ungemein fordernd ist. Letzterer ist immer wieder von Neuem zu hinterfragen und auszuloten. Unser Effizienzdenken steht uns da wohl gelegentlich im Weg. Erwähnenswert finde ich darüber hinaus die Tatsache, dass zahlreiche der heutigen Konzerne ursprünglich von Migranten gegründet wurden, darunter unter anderem auch die ABB, Nestlé oder Julius Bär.

 

Was haben Sie selbst durch die Zusammenarbeit mit den Frauen bei Crescenda gelernt?

Unendlich viel. Und jeden Tag lerne ich dazu. Und hierbei realisiere ich immer wieder, wie wichtig es ist, dass Frauen an der Gesellschaft teilhaben können, dass sie Subjekt, nicht Objekt sind, kurz: Dass sie Perspektiven haben und ihr Potenzial leben können. Nicht zuletzt profitieren hiervon die Kinder und ihr weiteres familiäres Umfeld, aber auch wir als Gesellschaft.

Rubrik

gefragt

Ausgabe

Media und Workspace

Béatrice Speiser

Geburtstag
06.05.1963

Nationalität
Schweizerin

Beruf
Sozialunternehmerin /Advokatin

Webseite
crescenda.ch

Info
Dr. iur. Béatrice Speiser ist aufgewachsen in Brüssel, zog für das Studium der Rechtswissenschaften in die Schweiz und promovierte an der HSG. Sie besuchte Weiterbildungen in den USA und Frankreich. Béatrice Speiser ist Mitglied diverser Verwaltungsräte von Unternehmen und NPOs sowie Initiantin/Präsidentin und Dozentin bei Crescenda.

Elisabetta Portner gründetet die Kinderbetreuungsstätte „Über den Wolken“.

Rosita Bianchi-Villa gründete vor 15 Jahren ein Reinigungsinstitut.

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